Millionenfach verkaufter Thriller startet im Kino: Lohnt sich Verity mit Anne Hathaway und Dakota Johnson?

"Ich lese keine Bücher, die man am Flughafen kaufen kann", sagt Dakota Johnsons Hauptfigur, als sie gefragt wird, ob sie die Bücher von Bestsellerautorin Verity Crawford kennt. Genau solche millionenfach verkauften Bücher schreibt US-Autorin Colleen Hoover. Obwohl sie vor allem für romantische Stoffe bekannt ist, zählt der anders gelagerte, düstere Thriller Verity* zu ihren größten Erfolgen. Am morgigen 1. Oktober 2026 startet die Verfilmung Verity - Dunkle Geheimnisse in den Kinos. Doch für wen lohnt sich die Adaption?
Bestseller-Verfilmung Verity startet im Kino: Wenn Autorinnen zu Täterinnen werden
Die wenig erfolgreiche Schriftstellerin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) erhält ein lukratives Angebot: Sie soll die Buchreihe der Bestsellerautorin Verity Crawford (Anne Hathaway), die durch ihre bösen Hauptfiguren berühmt geworden ist, mit ihr zu Ende schreiben.
Doch erst als Veritys Ehemann Jeremy (Josh Hartnett) sie in sein abgelegenes Haus in Vermont holt, wo auch noch Sohn Crew wohnt, erfährt Lowen die Wahrheit: dass Verity nach einem Autounfall sprach- und fast bewegungsunfähig ist. Trotzdem beginnt sie, die alten Bücher und Notizen ihrer Vorgängerin zu studieren. Dabei stößt sie auf ein Manuskript, das sie in erschreckende Winkel im Kopf der Frau führt, in die sie sich als Ghostwriterin eigentlich tief einfühlen soll.
Schaut hier den Trailer zu Verity:
In den letzten drei Jahren wurden vier Bücher von Colleen Hoover verfilmt. Nicht zuletzt dank TikTok (BookTok) entwickelte sich ihr 2018 im Eigenverlag herausgebrachtes Buch Verity zum Bestseller. Offiziell wurde der Roman 3,5 Millionen Mal verkauft, mittlerweile geht diese Zahl aber wohl eher auf 10 Millionen zu. Über das twistreiche Ende diskutieren Roman-Fans seit Jahren.
Für Hoover-Skeptiker sei gesagt: Verity schlägt einen anderen Tonfall als romantische Tränenzieher wie Für immer ein Teil von dir - Reminders of Him und All das Ungesagte zwischen uns - Regretting You an. Selbst Nur noch ein einziges Mal - It Ends with Us mit seinem berühmten Twist begibt sich nicht in so düstere Gefilde wie dieser Thriller. Entsprechend wird er sicher ein Volltreffer für Fans von The Housemaid, während 90er-Jahre-Erotikthriller-Fans von Basic Instinct und Co. das Kino eher enttäuscht verlassen dürften.
Zwischen Schock und Klischee: Verity präsentiert sich als Thriller voller dramatischer Enthüllungen
Auch wenn der Film in New York mit einem Unfallschock beginnt, passiert anschließend streng genommen nicht viel – außer, dass eine Frau liest. Ist Lowen erst einmal in der malerischen Kulisse Vermonts angekommen, verlassen wir das Haus am See kaum noch und reisen eher in die Psyche und Vergangenheit der Figuren. Was auf der Buchseite kein Problem ist, füllt der Film Verity mit Textzeilen, die über lesende Gesichter geblendet werden, damit sich überhaupt etwas im Bild bewegt. Momente, in denen sich die Handlung dann doch weiterentwickelt – hat Verity gerade den Kopf gedreht? – werden mit lautstarken Jumpscares unterstrichen.
Dabei wirft die Bestseller-Verfilmung im Kern durchaus spannende Fragen auf: Wie weit stimmen Autor:in und Erzähler:in eines Buches im Kopf der Lesenden überein? Muss jemand, der grausame Figuren schreibt, auch selbst die Anlage zur Grausamkeit besitzen? Dass sich Dakota Johnson und Anne Hathaway als dunkelhaarige Autorinnen Lowen und Verity verblüffend ähneln, eröffnet interessante Überlegungen zur Ghostwriter-Perspektive. Auch wenn es wohl nicht notwendig gewesen wäre, auszusprechen, dass Verity mit Erfolg, Haus, Mann und Familie alles hat, was Lowen sich wünscht.
Doch Verity gleicht eher einem reißerischen Boulevardbeitrag als einem nuancierten New-York-Times-Essay. Da kann sich ein halluzinierter Kuss mit dem heißen Gatten schon mal in phantasiertes Knutschen mit der bettlägerigen Autorin verwandeln. Die FSK-12-Erotik, bei der in Lippen und Bettgestelle gebissen wird, verprellt in der angepeilten großen Publikumsmasse entsprechend wohl niemanden mit den eher gesitteten Lust-Eskapaden.
Müde Plattitüden offenbaren sich am frappierendsten in den Romantikszenen (die trotz Thriller-Thematik existieren), wenn Lowen und Jeremy sich annähern. Hier werden Zuckergussrückstände von Lippen geküsst und auf ein "Was willst du?" kann nur ein "Dich" folgen. So pendelt Verity die meiste Zeit zwischen Schockeffekt und Klischee.
Verity und der Cast liefern Diskussionsstoff – im Guten wie im Schlechten
Dabei ist Verity eigentlich clever besetzt. Der Thriller nutzt gekonnt Anne Hathaways kühle Aura, um das Mysterium der manipulativen Femme fatale Verity Crawford aufzubauen. Mit ihrer explosiven Oscar-Bewerbung als Penelope in Die Odyssee noch im Hinterkopf, ist dieser Frau alles zuzutrauen – von ausgestöpselten Babymonitoren bis hin zum potenziellen Kindsmord.
Josh Hartnett, der als Hollywoods Ex-Heartthrob zuletzt in Comeback-Filmen wie Trap: No Way Out auch seine düstere Seite zeigen durfte, passt mit dieser neu erworbenen Ambivalenz gut in die Rolle des schwer einzuschätzenden Ehemanns, der in einem Moment romantische Abende im "besten bayerischen Restaurant Vermonts" initiiert und im nächsten zu seiner Ersatzautorin nicht ganz ehrlich ist.
Als Hauptfigur Lowen hat Dakota Johnson den undankbarsten Job: immer nur zu reagieren. Immerhin ist ihr Figurentypus hier nach Fifty Shades of Grey von der Literaturstudentin zur Schriftstellerin aufgestiegen. Obwohl Verity ihr Gesicht als "resting bored face" beschreibt, unterstreicht sie die unzähligen Enthüllungen immer wieder mit aufgerissenen Augen oder sogar einem Schrei. Man kann die eigenen Hände allerdings nur begrenzt oft vor den Mund schlagen, bevor die Geste zur Lächerlichkeit verkommt. Vom Figurengespür, das Verity-Regisseur Michael Showalter in The Big Sick und Drehbuchautor Nick Antosca in seiner Serie The Act bewiesen haben, merkt man hier leider weniger.
Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig, wenn der Film ohnehin mit Meta-Augenzwinkern auf das Publikum schielt, das seine Romane ohne Scham am Flughafen kauft. Verity ist ein Film für all diejenigen, die Sensationslust à la The Housemaid suchen. Und natürlich für die zahlreichen Colleen-Hoover-Fans da draußen. Denn abgesehen von kleinen Änderungen, wie der Reduzierung von Veritys Kinderanzahl oder der Auslassung von Lowens Schlafwandlerinnen-Episoden, hält sich die Adaption nah an der Buchvorlage.
Fest steht letztendlich nur eins: Wer beim (für die einen genialen und für die anderen hanebüchenen) Twist-Ende eines Millionenbestsellers mitreden will, auch ohne den Roman zu kennen, kann jetzt im Kino seine Chance ergreifen, sich selbst ein Bild zu machen.
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