Review zur Satire "Digger"

Es hat immer wieder seinen Reiz Tom Cruise aus der Rolle fallen zu sehen – der des hartnäckigen Actionhelden. Denn Cruise ist – das hat er erstmals als invalider Vietnam-Veteran in “Geboren am 4. Juli” bewiesen – auch ein guter Schauspieler, jemand, der sich eigentlich nicht hinter tollkühnen Stunts verstecken muss, um auf der großen Leinwand zu überzeugen. Vielleicht sind in den vergangenen 30 Jahren vor allem deshalb seine Auftritte als Unsympath mit Vater-Komplex in “Magnolia” oder sein kurzer wie gefeierter Auftritt als cholerischer, unflätiger Filmstudio-Boss Les Grossman in “Tropic Thunder” besonders in Erinnerung geblieben.
Vielleicht hatte Regisseur Alejandro G. Iñárritu oder sein Autor:innen-Team aus Sabina Berman, Alexander Dinelaris und Nicolás Giacobone Cruise in seiner Rolle als Les Grossman im Hinterkopf, als sie sich die Geschichte für “Digger” ausgedacht und dem Megastar die Rolle des milliardenschweren Ölmagnaten Digger Rockwell auf den Leib geschrieben haben. Der hat – wie schon Grossman – wenig mit Cruises echter Physis gemein. Viele Stunden saß er täglich im Makeup, um möglichst alt, schwammig und ungesund auszusehen und als cowboyhafter Schaufelschwinger durch die Wes-Anderson-Kulissen von “Digger” zu toben.
Denn Rockwell, der potenziell mächtigste, einflussreichste Mann der Welt, hat ordentlich Scheiße gebaut. Weil er den Updates seines grönländischen Ölbohrteams nicht rechtzeitig Aufmerksamkeit geschenkt hat, hat sich durch einen Bohrunfall ein unfassbar riesiger Eisberg gelöst und treibt nun auf Nordeuropa zu – was zu hunderttausenden Toten führen wird und den damit verbundenen, verheerenden Folgen. Doch “Digger” wähnt sich im Vorteil, solange er das Narrativ beherrscht.
Digger | Satire
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Mit: Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons
Warner, 129 Minuten
ab dem 01.10. im Kino
Nur bei dieser Geschichte bleibt es selbstverständlich nicht. “Digger” baut zwei Twists ein, die dafür sorgen, dass die gesamte Chose noch mal aus einem anderen Winkel zu betrachten ist. Der erste erfolgt nach etwa einer halben Stunde und verkompliziert das bis dahin skizzierte Szenario. Und zwar: unnötig. Danach verliert die eigentliche Geschichte von “Digger”, eine Satire über politische Macht, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, an Dringlichkeit. Dabei wird hier ein Fass nach dem anderen geöffnet und dabei geredet, geredet und geredet.
Über die Dauer von zwei Stunden ist das mit satten 125 Millionen Dollar Budget ausgestattete Theater vor allem anstrengend, kaum witzig und von heillosem Overacting überschattet. Zugeschnitten ist alles eh auf Cruise. An dessen Seite verblasst Sandra Hüller als Diggers nachhaltigkeitsbewusste Schwester zwar nicht, besonders viel zu tun bekommt sie aber leider auch nicht. Ähnlich wie Michael Stuhlbarg und Riz Ahmed, die als alberne Stichwortgeber verheizt werden. Dabei sind die Moral der Geschichte und gegenwärtige politische Anspielungen – etwa das Gruppengebet um den US-Präsidenten (John Goodman) – mit derart dickem Pinsel aufgetragen, dass auch der dümmste Zuschauer sie versteht. Nur, dass drumherum ein dauerfeuerndes, chaotisches Tamtam veranstaltet wird. Wenn Theater, dann lieber noch mal “Birdman”.
4 / 12Der Beitrag Was für ein Theater erschien zuerst auf VISIONS.de.



